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Nicht überlesen: „Mega-Trend“ Local Shopping – aber hallo!

Ich bin ja interessierter Gelegenheitsleser des Handelsjournals, DEM Organ des HDE. Manchmal frage ich mich aber schon, was bestimmte Meldungen sollen. Aktuell (Ausgabe 02/2017) findet sich auf Seite 41 unter der Headline „Lokal einkaufen“ der mysteriöse Hinweis auf einen „Zusammenschluss“ der Equipe GmbH aus Frankfurt und der HUP AG aus Braunschweig, um „ihren Wirkungskreis in Sachen Digitalisierung“ zu vergrößern. 

Foto: Andreas Haderlein

Foto: Andreas Haderlein

Versucht man dem Ganzen einen News-Gehalt und eine gewisse Seriösität abzugewinnen, findet man heraus, dass auch die auf Verlagssoftware und Aboverwaltung spezialisierte HUP AG mit einem Multi-Vendor-Shop alias lokaler Online-Marktplatz nun als Infrastrukturgeber ein Stückchen vom vermeintlich üppigen Kuchen des Local Commerce abhaben möchte.

Die Zielgruppe der HUP AG ist leicht ausgemacht: Man will Verlagen und Zeitungshäusern den Weg ins digitale Geschäftsmodell auf Basis einer Marktplatzlösung für den lokalen Einzelhandel ebnen. Auf der Website heißt es:

„Die HUP AG hat ein neues Konzept entwickelt, mit dem Medienhäuser in ihrem lokalen Umfeld sinkende Anzeigen- und Abo-Umsätze ausgleichen und ihr Image als regionaler Serviceanbieter verbessern können: Mit uns profitieren Sie vom Mega-Trend ‚lokal shopping‘, dem lokalen Einkaufen im Internet.“

„Neu“ freilich ist die Idee mit Sicherheit nicht und auch das allerletzte Käseblättchen dürfte mitbekommen haben, dass Unternehmen wie Locafox oder Yatego – um nur zwei zu nennen – längst Verlage als Sparrings- und Vertriebspartner, mitunter sogar als Investoren für neue Erlösmodelle auf Basis eines lokalen oder regionalen Online-Marktplatz gewonnen haben.

Ambitionierte Verlage wiederum haben längst ihre eigenen Lösungen am Markt, dazu zählen u.a. Lokalschatz.de (J. Esslinger/Pforzheimer Zeitung), RNshopping (Verlag Lensing-Wolff/Ruhr Nachrichten„Kauf im Allgäu“ (Allgäuer Zeitungsverlag) oder der WochenSpiegel Marktplatz (Weiss-Verlag). Damit will ich nicht sagen, dass sie funktionieren. Zum Engagement der Verlage in dieser Hinsicht folgt bald eine separate Stellungnahme meinerseits, nachdem ich gestern auf dem „eCommerce-Tag NRW“ eine Begegnung der besonderen Art mit einem Mitarbeiter der Funke Mediengruppe hatte.

Es gäbe nun auch genug an der bereits online auffindbaren Plattform lokal-einkaufen.shop zu mäkeln, die sich – Stand: 23.02.2017 – offensichtlich noch im Developer-Status mit Blindtexten befindet, aber das ist nicht der Grund meiner Aufregung. Denn sobald die Plattform substantiell betrieben wird und sich Händler aus Städten, Vierteln oder Einkaufsstraßen – über welche Verlage auch immer herangeführt – darauf finden, hat sie ihre Berechtigung und wird sicher auch auf LocalCommerce.info gelistet sein.

Und auch geschenkt, dass das nun HUP Equipe GmbH firmierende Unternehmen und deren Protagonisten so ziemlich jeden Digitaltrend versuchen in ein IT-Produkt zu packen: Vielleicht gibt es ja tatsächlich Städte, die der Stadtportallösung „City Booster“ (siehe Video) etwas abgewinnen können. Und das undurchdringliche Vertriebsnetz zu dieser Lösung mag gar nicht mal unintelligent sein.

Was mich aber wirklich fuchst, ist, dass die vom Handelsjournal aufgegriffene Nachricht nahezu 1:1 aus einer Unternehmensmitteilung der HUP AG kopiert wurde ohne jedwede konkrete Kontextualisierung. Dabei gäbe es genug seriöse und inhaltsreiche News aus dem Umfeld Digitale Stadt oder Local Commerce, die einem HDE-Mitteilungsorgan unter dem Dach der Verlagsgruppe Handelsblatt mit nach eigenen Angaben 50.000 lesenden Entscheidern besser zu Gesicht stünden. Aber vielleicht ist das wieder einmal zu viel verlangt von einer Institution, die zu manchen Themen sehr konkret (z.B. Sonntagsöffnung) und zu anderen (z.B. Digitale Transformation der City und des Innenstadthandels) weitestgehend oberflächlich und hinterherhinkend Stellung bezieht. Aktuelles Beispiel gefällig? Bitte sehr: „Digitale Revolution im Einzelhandel“ (HDE-Meldung vom 23.02.2017).

Versöhnlich stimmt mich da allenfalls die NRW-Beilage der zitierten Handelsjournal-Ausgabe, die Rainer Gallus, Geschäftsführer Standort und Digitaler Handel des Handelsverbands NRW, mitverantwortet. Mit „Stationär digital unterstreichen“ leitet er ein halbes Dutzend Seiten ein, auf denen an die digitale Transformationsbereitschaft des inhabergeführten Einzelhandels appelliert wird. Herr Gallus, ich freue mich noch mehr, wenn ich irgendwann im Handelsjournal lese:

„Nein, nicht der Onlinehandel verändert unsere Städte, sondern die Städte verändern den Onlinehandel!“