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Livestream-Presenting: Wie ein Offenbacher Shopping-Center zum Pionier des digitalen Marketings wird

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Bildquelle: Screenshot, AH

In diesen Augenblicken wird das Testspiel des Fußball-Drittligisten Offenbacher Kickers als Livestream über die Website des Offenbacher Shopping-Centers KOMM gezeigt. Es ist meines Wissens nach das erste Mal, dass ein Unternehmen der Handelsbranche (Center-Betreiber) diese Form des Online-Marketings und der PR einsetzt. Warum ich das besonders klug finde, erläutere ich in ein paar Bullettpoints.

  • Fußball ist neben Sex und Gossip einer der relevantesten Traffic-Bringer im Netz – erst recht wenn es sich um Live-Übertragungen handelt. Als Sendepartner und Presenter des Livestreams legt das KOMM Centermanagement bzw. die KOPRIAN iQ MANAGEMENT GmbH eine Schicht Local Branding und lokaler Verbundenheit oben drauf. Es ist der Kultverein OFC, der übertragen wird, und nicht irgendeine Mannschaft (erst recht nicht die Eintracht aus der „geliebten“ Nachbarstadt).
  • Weil es eine Testspiel-Übertragung aus dem türkischen Trainingslager Belek gegen die Amateure von Lupo-Martini Wolfsburg ist, ist die sonst im Profifußball sehr strikte Übertragungsrechte-Situation relativ entspannt. Der Livestream dürfte mit Sponsoring-, Server- und Personalkosten ein überschaubares Budget in Anspruch nehmen. Hinzu kommt: Auch eine 30-minütige Liveshow aus dem OFC-Mannschaftshotel ab 19 Uhr wird über die Startseite des Einkaufscenters ausgestrahlt.
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    Bildquelle: screenshot, AH

  • Mit einem in der Übertragung integrierten Gewinnspiel drückt man zudem klassische Marketing-Hebel und sorgt für lange Aufenthaltsdauer auf der Startseite, erst recht wenn das Spiel nur vor sich hinblättschern würde. Außerdem bietet das Center Management hier neue Möglichkeiten für Händler, sich als Gutscheingeber zu präsentieren. Konkret handelt es sich war nur um einen 25-Euro-Gutschein für ein center-ansässiges Eiscafé, aber das Gewinnspiel bringt auch die Center-Zeitung auf den Wahrnehmungsradar der Fußballgucker.
  • Übertragungspartner ist das OFC-Fanradio bzw. das KickersTV, das als eines der ersten von Fans und damit von Bürgerjournalisten betriebenen Medien schon seit Jahren Hofberichterstatter des Clubs ist und pionierhaft gezeigt hat, dass Livestreams in Ton und Bild wichtige Fanbindungsmittel der Vereine sind. Heute hat kaum ein Club von der ersten bis zur dritten Liga und sogar darüber hinaus keinen YouTube-Kanal. Die meisten Profimannschaften bieten sogar ein zahlungspflichtiges ClubTV-Abonnement an und senden insbesondere Audio-Livestreams und – sollte es die Übertragungsrechtesituation erlauben – vor allem Testspiele in den Vorbereitungsmonaten live als Bewegtbild übers Internet.
  • Der Reichweitenaufbau geht im vorliegenden Fall vom OFC-Fanradio aus, der die Übertragung wie andere auch per Newsletter und Website an die OFC-Fangemeinde kommuniziert. Außerdem gibt es im Netz Programmführer wie fussballgucken.info, die Fußball-Live-Übertragungen listen und mit Reichweiten von 10.000 bis zu 50.000 Nutzern am Tag auch den einen oder anderen Zaungast auf die Seite locken.

Kritikpunkt: Wie und ob der Livestream-Event im Shopping-Center beworben wird oder gar ein Public Viewing veranstaltet wird, kann ich nicht beurteilen, klar aber ist: das Center Management hätte diese Aktion besser per Pressemitteilung oder prominenter im Web bewerben können. Vielleicht aber war auch die Angst vor den technischen Fallstricken einer semiprofessionellen Live-Übertragung aus der Türkei zu groß und die gesamte Aktion ist nur ein Test für weitere Vorhaben in Sachen OFC-Partnerschaft.

Fazit: Auch wenn die Übertragung wegen der Wetterbedingungen im türkischen Trainingslager in einen Slapstick ausartet, ist der Livestream des Center-Betreibers ein wertvoller Erfahrungsbaustein für künftige digitale Aktionen des Centers. Hinzu kommt, dass die Offenbacher City gerade einen sehr ambitionierten Revitalisierungsprozess durchmacht, in dessen Kontext sich auch ein innovativer Online-Marketing-Ansatz gut macht. „Das KOMM in Offenbach“, so heißt es auf der Website, „steht für die Wandlung einer innerstädtischen Branche in eine Einkaufs- und Erlebniswelt.“ Nun also auch im öffentlichen(!) Raum Internet.