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Same-Day Delivery – Megatrend oder Megaflop?

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So weist das Unternehmen Shutl auf die Lieferzeit-Bestmarke des Tages hin (Bildquelle: screenshot, AH)

Die Art der Lagerhaltung korrespondiert seit jeher mit der Geschwindigkeit der Zustellung. Dies ist auch im Online-Zeitalter Gesetz. Kurioserweise aber scheint das E-Commerce nun eine Bringschuld einlösen zu müssen, die eigentlich immer dem stationären Handel abverlangt wurde: sofortige Verfügbarkeit. 24-Stunden-Lieferung ist keine Seltenheit mehr, aber immer mehr E-Shops liefern insbesondere in Ballungsgebiete noch am gleichen Tag aus. Und schon wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben: Same-Day Delivery (SDD). Aber was als großer Vorteilsverschaffer im E-Commerce-Wettbewerb webauf, webab diskutiert wird, könnte vor allem den stationären Händlern in die Hände spielen. Vorausgesetzt für sie ist Multi-Channeling keine Angstvokabel, sondern gelebte Strategie. 

Der Grund liegt auf der Hand: Die Auslieferung online bestellter Ware noch am gleichen Tag, mitunter gar binnen 3 Stunden oder 90 Minuten, ist eine logistische Meisterleistung. Und mit Blick auf Online-Pure-Player wie Amazon und Zalando könnte sie in einem ökonomischen, mit Sicherheit aber in einem ökologischen Dilemma münden.

Kommt SDD, steht das E-Commerce vor einer Öko-Debatte

Denn wer außer Kuriere können Produkte aus den Zentrallagern an die Endkunden bringen. Die Zahl der dieselbetriebenen Lieferfahrzeuge vor den Hofeinfahrten und Gartenzäunen hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen – das wird jeder bestätigen können. Luftdruckbetriebene Rohrpost jedenfalls – eine visionäre, letztlich aber gescheiterte Transportvariante des 19. Jahrhunderts – hat sich nicht durchgesetzt. Sollten die Big Player des E-Commerce aus dem PR-Gau in Sachen Arbeitnehmer- bzw. Leiharbeiterbehandlung der letzten Wochen gelernt haben, werden sie sicherlich auch den ökologischen Unsinn einer tagesgleichen Lieferung ernst nehmen. Denn noch ist eine breite Empörungswelle gegen das E-Commerce bei der Frage der Öko-Rentabilität ausgeblieben. Noch!

Multi-Channel-Händler im Vorteil

Auch verstreute Regionallager werden sich schwer tun, das gesamte Sortiment eines Online-Pure-Players vorzuhalten. Multikanal-Händler mit Webshop, einem dichten Filialnetz und exzellentem Warenverfügbarkeitsmanagement könnten beim ungeduldigen Kunden hingegen punkten. Nicht nur durch Click & Collect bzw. Check & Reserve, sondern durch straff organisierte Bringdienste vor Ort. Über den graduellen Unterschied der ökologischen Sinnhaftigkeit in diesem Fall mag man streiten, klar aber ist: Einen Lieferkostenaufschlag für die Lieferung noch am selben Tag wird sich der Kunde dauerhaft nur bei hochpreisigen Produkten leisten wollen.

Und so nimmt es nicht Wunder, dass hierzulande Online- und Multikanal-Händler im Premium-Fashion-Segment, z.B. Luxudo.com oder Lodenfrey.com, Vorreiter bei der Sofortlieferung sind. Ohne Mobilitätsdienstleister aka Kuriere aber wären auch sie aufgeschmissen. Die Tiramizoo GmbH hat deshalb entlang des Angebots von SDD diverser Online-Shops ein Geschäftsmodell aufgebaut: Gegen Gebühr bringt sie Ware aus dem stationären Handel oder direkt ab Lager zum Kunden. In mittlerweile 15 deutschen Städten ist Tiramizoo mit seinen Kurierpartnern präsent. Zu den angeschlossenen „Referenzkunden“ zählen neben den oben erwähnten unter anderem Notebooksbilliger.de. Der Elektronikhändler ermöglicht so die tagesgleiche Auslieferung von Notebooks und Zubehör in Hannover und München.

Shutl ist mit seinem Partnerkonzept der klassischen Auslieferungslogistik um Längen voraus

Das Vorbild von Tiramizoo freilich sitzt in Großbritannien und heißt Shutl (siehe „Die digitale Zukunft des stationären Handels“, S. 55). Das Start-up vermittelt auf der Insel mittlerweile 30.000 Bestellungen am Tag und sieht sich ausdrücklich nicht als Kurierdienst, sondern als Software-Unternehmen. Denn Shutl bringt freie Kapazitäten von Kurierdiensten mit den Bestellungen bei (Online-)Händlern zusammen – neben dem Versprechen binnen 90 Minuten zu liefern auch zu Wunschterminen des Endkunden (Name-your-own-time Delivery). Der größte britische Multi-Channel-Händler Argos setzt mittlerweile auch auf die Dienste von Shutl. Und die Inszenierung des Dienstes spricht Bände: Auf der Website prangt die aktuell schnellste Lieferung in altmodischen Quarzziffern. Heute markieren 14 Minuten 48 Sekunden die Bestzeit. Derzeit bereitet Shutl den Eintritt in den US-amerikanischen Markt vor.

Dort wartet indes eBay, das mit „eBay Now“ ebenfalls Tuchfühlung mit SDD aufgenommen hat. Nach Pilotprojekten in New York und San Francisco, rollt man mit den Partnern Macy’s, Target und Toys’R’Us das Angebot auch in San Jose aus.

Fazit: SDD steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen. Verstopfte Innenstädte, unterbezahlte (und genervte) Kurierfahrer und zunehmender Preisdruck – irgendwann fällt jeder kostenpflichtige Dienst dem Benchmark zum Opfer und wird zum kostenfreien Schmankerl – sind die Sollbruchstellen bei der Etablierung der tagesgleichen Lieferung. Dennoch können bestimmte Warengruppen und Sortimente und damit spitz positionierte Händler mit SDD Alleinstellungsmerkmale ausbauen. Im besten Fall wird stationären Händlern mit SDD eine neue Waffe gegen die vermeintlich übermächtige Konkurrenz aus dem Internet in die Hand gelegt. Dass an Lieferdiensten wie Tiramizoo auch die Daimler AG beteiligt ist, zeigt, wie das internetgetriebene Zeitalter des Handels Allianzen hervorzubringen in der Lage ist, die wir uns noch vor ein paar Jahren nie hätten erträumen lassen.

Wenn Sie künftig auf SDD setzen wollen, sollten Sie Folgendes beachten:

Sind Ihr Sortiment und Ihre Lagerhaltung SDD kompatibel?

Noch ist SDD ein Nischenversprechen.

SDD bleibt ein Ballungsraum-Phänomen.

Vermeiden Sie den Supergau getrennter Warensendungen.

Wunschtermin schlägt Zeitversprechen!