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(Mobile) Crowdsourcing in der Forschung: Dem Bienensterben gemeinsam auf der Spur

Sich mit Bienen zu beschäftigen, liegt zweifelsohne im Trend – ob die aktuelle Zeigefinger-Dokumenation „More than Honey“, der Boom der Stadtimkerei oder schlicht und ergreifend das Interesse vieler junger Menschen an der naturverbundenen Bienenhaltung. Die mediale Aufmerksamkeit auf die faszinierende und lehrreiche (Nutztier-)Welt der Honigbiene war noch nie größer als in den letzten Jahren. Angesichts des „mysteriösen Bienensterbens“ und des apostrophierten Bankrotts unseres Ökosystems ist dies auch nachvollziehbar. Folgender Beitrag fällt hier thematisch sicherlich etwas aus der Reihe. Ich bin mir aber sicher, dass auch E-Marketing-Experten etwas mitnehmen werden. Geht es doch um den sinnvollen Einsatz des Smartphones und eine effiziente Brücke zwischen Online- und Offline-Welt.

Ich bin selbst in einem Imkerverein aktiv. Auch wenn ich derzeit keine eigenen Völker halte, verfolge ich gerne Fachdiskussionen und tausche mich sporadisch mit Vereinsmitgliedern über die Lage am Bienenstand aus. In diesem Zusammenhang bin ich auf eine exzellente Umsetzung bei der Aggregation von nutzergenerierten Informationen über das Smartphone gestoßen.

Es handelt sich um das sog. Blühphasen-Monitoring, das das DLR Fachzentrum für Bienen und Imkerei Mayen und die Agrarmeteorologie Rheinland-Pfalz deutschlandweit bereits im zweiten Jahr durchführen. Ich würde es neudeutsch als „(mobile) Crowdsourcing“ bezeichnen. Unter Crowdsourcing versteht man im Allgemeinen die Auslagerung von Wissensarbeit an oder die Zusammenführung von in Beziehung zu setzender Information über eine disperse Masse von Menschen (siehe hierzu Beispiele in „Die Netzgesellschaft“, S. 131 ff. oder auch meinen Online-Artikel „Crowdsourcing the Future“ (PDF).

Das Blühphasen-Monitoring

Das Blühphasen-Monitoring: Mehr Daten mit wenigen Klicks oder Fingertipps

Beim Blühphasen-Monitoring sind Imker angehalten, den Stand der Dinge in Sachen Trachtpflanzen zu melden. Das heißt: Imker oder interessierte Naturbeobachter geben an, in welcher Blühphase sich die verschiedensten Pflanzen (Bäume, Sträucher, Blumen) an ihren jeweiligen Standorten befinden. Diese Daten fließen dann in aktuelle Forschungen ein oder schaffen gar explizite Forschungsdesiderate. Denn noch nie war es möglich, derart einfach und flächendeckend forschungsrelevante Informationen – noch dazu in Echtzeit – zu erhalten.

Auf der Website heißt es: „Diese Daten werden zur Entwicklung der Bienenvölker und zur Varroaentwicklung [die Varroamilbe ist ein Parasit der Honigbiene, der weltweit als Hauptursache für die Schwächung von Bienenvölkern betrachtet wird, A.H.] ist in Beziehung gesetzt, um eventuelle Gesetzmäßigkeiten aufdecken zu können. Zudem können eventuelle Auswirkungen des Klimawandels auf die Bienen dokumentiert werden. Weiterhin wird es zukünftig auch möglich sein, Blühprognosen zu berechnen.“

Nutzerfreundlichkeit groß geschrieben

Wohlwissend, dass der Altersdurchschnitt in den meisten Imkervereinen weit über 50 Jahre ist und nicht davon ausgegangen werden kann, dass alle potentiellen Datenlieferanten versiert im Umgang mit dem Internet sind, haben die Programmierer des Blühphasen-Monitorings ein Exempel für Nutzerfreundlichkeit und digitale Effizienz statuiert. Die wichtigsten technischen Features lesen sich wie die Goldenen Regeln der Nutzerfreundlichkeit und sind deshalb auch auf Branchen jenseits der Wissenschaft übertragbar:

  1. Prominenter Hinweis auf die anonyme Datenerhebung. Außer Pflanzen- und Standortdaten werden bei Nutzung der Website keine weiteren Informationen übermittelt.
  2. Die Website und die Datenerhebung funktionieren parallel auch über eine mobil-optimierte Version.
  3. Die Eingabemaske der Daten ist schlank gehalten und auf das Wesentliche konzentriert.
  4. Die genaue Standortbestimmung samt Höhenmeter kann mittels smartphone-integriertem Ortungsdienst (meist GPS) ermittelt werden (sofern in der Browsereinstellung des jeweiligen Nutzers die Geodatenfreigabe aktiviert ist) und erfordert so keine umständliche händische Eingabe. Bei entsprechender Netzabdeckung lassen sich damit die entlegensten Regionen erfassen.
  5. Ein QR-Code führt schnell auf die mobil-optimierte Seite. Man verzichtet bewusst (oder aus finanziellen Gründen) auf eine App. Braucht in diesem Falle auch kein Mensch.
  6. Der aktuelle Datenbestand ist für jedermann online einsehbar.

Sicherlich besteht noch Optimierungsbedarf. Nicht ohne Grund wird der Dienst als „beta“, d.h. noch im Entwicklungsstadium bezeichnet. Aber: Wenn derart generierte Informationen nun noch im Sinne des „OpenData“ in einem Format zur Verfügung gestellt werden würden, mit dem Wissenschaftler und Programmierer aus aller Welt weiterarbeiten könnten, wären die 7 Goldenen Regeln der Usability zur Weltrettung perfekt (siehe hierzu meine Studie „Die Netzgesellschaft“, S. 85 ff. und 118 ff.).

Fazit: Das Smartphone gehört in die Werkzeugkiste des Imkers

Allen Untergangsszenarien und durchaus nachvollziehbarer Kritik an moderner Landwirtschaft und menschlichem Fehlverhalten zum Trotz, ist das Bienensterben bis heute kausal nicht einwandfrei nachvollziehbar. 50 Millionen Jahre Evolution des Biens können nicht mit der simplen Anklage an den Lebens- und Wirtschaftsstil des modernen Menschen zu Grabe getragen werden. Wer weiß, vielleicht helfen der Bienenforschung pikanterweise sogar eben jene Mobilfunkmasten (Elektrosmog), die von manchen Experten als möglicher Faktor für die Orientierungslosigkeit und damit das Massensterben der Insekten ausgemacht wurden?

Neue Mobil-Technologien können jedenfalls einen wertvollen Beitrag zur Ergründung des bedauerlichen Phänomens des Bienensterbens beitragen. Vorausgesetzt Smartphones und Internet gehören zum Standardwerkzeug des Imkers wie Smoker und Stockmeißel. Es muss ja nicht immer gleich ein Imkerblog, das Online-Forum oder der aufgezwungene Facebook-Account sein, um sich als gestandene(r) Imker(in) stärker online zu vernetzen – und um zum Wissen über die Bienen beizutragen.

2 Kommentare
  1. Wow. Ich bin immer wieder überrascht, was für spannende Möglichkeiten Cloud Working und mobiles Crowdsourcing bietet. Werde das Projekt im auge behalten. Wenn der Winter irgendwann mal vorbei geht und es im Frühling wieder blüht, bin ich auf die Ergebnisse gespannt.

  2. hallo andreas,
    wem soll das monitoring denn helfen? Den bienen damit sie wissen wohin sie fliegen sollen? Ich freue mich lieber mit meinen flugdrachen ueber fruehtracht, wenn ich sie denn gefunden habe ;-)
    imkerliche gruesse!
    katrin