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Amazon plant kein stationäres Geschäft – aber was wäre, wenn doch?

UPDATE: Amazon mietete Ende 2014 qua 17-Jahres-Vertrag eine riesige Fläche am New Yorker Empire State Building und verkündete ein paar Wochen später Sinn und Zweck dieser Maßnahme: Man will mit einem innerstädtischen Schnelldreher-Lager vor allem Prime-Now-Kunden in Manhatten binnen 1 Stunde beliefern können (siehe auch Einschätzung hier). Immobilienwirtschaft aufgepasst: Dies ist die Geburtsstunde eines weiteren neuen Multichannel-Betriebstypen für die 1a-Lage. Ich glaube nicht, dass es Amazon beim reinen Lager belässt. Sicherlich werden Multichannel-Services wie Click & Collect auf kurz oder lang auch dort abgewickelt werden. Und wenn Amazon Blicke ins Lager gewährt, ist das der Schaut-was-wir-für-ein-tolles-Unternehmen-sind-Showroom des streikgeplagten Logistikers, uups: Versandhändlers mit Fulfillment-Center am Wolkenkratzer.

Amazon, so berichtet der Chefredakteur von „Der Handel“ Marcelo Crescenti aus New York, plant nicht die Eröffnung von stationären Geschäften. Vor gut einem Jahr spekulierten Insider noch, der Online-Gigant könnte den Schritt in die Fußgängerzone wagen und damit ein erdrutschartiges Ereignis für den stationären Buchhandel auslösen. Jetzt hat der Amazon-Chef aber höchstpersönlich abgewunken. Ein kategorisches Nein hört sich allerdings anders an. Ein Gedankenspiel zur stationären Zukunft von Amazon.

Die Eröffnung von Ladenlokalen oder zumindest Showrooms ist mittlerweile als substantieller Trend unter Online-Pure-Playern auszumachen. Hierzulande etwa will mymuesli im Frühjahr 2013 einen Flagshipstore in Stuttgart eröffnen und sucht – nebenbei gesagt – nach einem Store-Manager. Drei Läden existieren bereits. Notebooksbillger.de wird noch in diesem Jahr 575 m² in einer Düsseldorfer 1b-Lage (Erkrather Straße), aber unweit einer Saturn-Filiale beziehen. Drei von sieben anberaumten Stores in Deutschland wären damit perfekt. Und der Online-Händler für Designermöbel FASHION FOR HOME eröffnete unlängst einen Showroom in Berlin. Auch Zalando hat mit einem Outlet-Store und diversen Pop-up-Flächen schon Tuchfühlung „zur Straße“ aufgenommen. In den USA verblüfft der Online-Shop Bonobos gerade mit einer Expansion seiner stationären Guideshops. Sechs Stores sind bereits eröffnet.

Für den Amazon-Gründer und frisch gekürten Händler des Jahres Jeff Bezos kommt dieser Schritt allerdings (noch) nicht in die Tüte. In der Messepublikation des NRF-Kongresses, auf dem der US-Handelsverband alljährlich den „NRF Gold Medal Award“ vergibt, wird er mit folgenden Worten zitiert:

Wir würden dann einen stationären Laden eröffnen, wenn wir ein einzigartiges Konzept dafür hätten.

Es scheint also nur eine Frage der Zeit?! In meinem neuen Buch habe ich mir auf S. 37 das Waswärewenn-Gedankenspiel erlaubt:

Amazon – das Starbucks der postpapiernen Lesekultur

Amazon ist zuzutrauen, einen Ladentypus zu installieren, der nicht nur Trends folgt, sondern setzt:

  • Amazon könnte mit stationären Auftritten zum »Third Place«, zu einem Starbucks für Kindle-Nutzer werden – eine Bühne der post-papiernen Leseunterhaltung und ein Sprachrohr der (digitalen) Leseförderung. Der stationäre Shop würde in diesem Falle auch als PR-Vehikel fungieren.
  • Amazon würde so auch den öffentlichen Bibliotheken und ambitionierten inhabergeführten Buchläden ihr ureigenstes Territorium streitig machen: Kultur. Die »Bühnifizierung« von Einzelhandelsflächen zählt ohnehin zum Set veritabler Maßnahmen der Kundenbindung. Marc O’Polo etwa verwandelte im März 2010 seine Stores kurzerhand in einen Veranstaltungsort für Lesungen: Prominente Schauspieler lasen in ausgewählten Marc O’Polo-Stores in Deutschland aus ihren Lieblingsbüchern. Künftig platziert man am Ausgang noch ein paar Kindle-Geräte als Give-aways.