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Galeria Kaufhof versus Amazon: Ein Einkaufs-Krisenexperiment

Ich wollte es wieder einmal wissen. Wie viel von dem, was ich täglich über Multi-Channeling im Einzelhandel schreibe und lese kann der Praxiserfahrung wirklich standhalten? Ethnologen nennen es „Krisenexperiment“, wenn sie sich ins Feld wagen und bewusst den gesunden Menschenverstand ausblenden und gegen vermeintliche Normen verstoßen, um dann die Reaktionen darauf zu analysieren. In meinem Fall bot sich ein konkreter Anlass zum Krisenexperiment: Wohlwissend, dass der Amazon-Preis einer Espresso-Herdmaschine von Bialetti unschlagbar günstig ist, begab ich mich mit Kind & Kegel in den stationären Einzelhandel, um sie dort – so die Hoffnung – zumindest zu einem akzeptablen Preis zu bekommen. Meine Waffen: EC- und Payback-Karte, Smartphone – und Zeit.

Stationäre Trumpfkarte „Verfügbarkeit“ – und schönes Wetter

Vornweg sei gesagt: Ich hätte mir das ganze Kasperletheater durchaus sparen können, wenn die begehrte Espresso-Herdmaschine aus Edelstahl nicht noch am nächsten Tag als kleines Geschenk im Gepäckstück meiner abreisenden Schwiegermutter verstaut werden musste. Lieferung also ausgeschlossen: 1:0 für den stationären Einzelhandel (Express-Lieferung hätte natürlich in keiner angemessenen Relation zum Online-Preis gestanden).

Es ist ein freundlicher, nicht zu heißer Sommertag in Frankfurt. Da ich mit meinem eineinhalbjährigen Sohn unterwegs bin und noch andere Dinge erledigen muss, ist das Auto nötig. Ein Parkplatz ist schnell in einer Seitenstraße unweit der Zeil gefunden. Höhe der Parkgebühren: 2 Euro (glücklicherweise wird auch nach weit über einer Stunde Parkzeit keine Politesse auf die Idee kommen, mir ein Knöllchen zu verpassen). Aber klar ist, der Betrag wird auf den späteren Einkaufsbetrag hinzugerechnet werden müssen.

Bin ich bescheuert? Online ist tausendmal bequemer!

Per Barcode-Scan erhalte ich vor Ort Infos über Preis und Verfügbarkeit des Produktes

Natürlich habe ich mich vorher über den Onlineshop von Galeria Kaufhof über den Preis informiert. Er liegt irgendwo jenseits von 35 Euro. Zu diesem Zeitpunkt beträgt der Amazon-Preis inkl. Versandkosten 21,48 Euro – über 40 Prozent weniger als im stationären Handel. Vor Ort am Regal bestätigt mir dies ein Barcoo-Scan (siehe Abb.). Spätestens zu diesem Zeitpunkt gleicht E-Commerce zum 1:1 aus. Der Grund: Mein idiotisches Vorhaben, ein Produkt kaufen zu wollen, das – rechne ich meine Parkgebühren hinzu – online fast um die Hälfte günstiger angeboten wird. Aber mit Schwiegermüttern will man es sich ja nicht verderben. Immerhin: Die Verfügbarkeit bei Galeria Kaufhof, wie sie in der Barcoo App angezeigt wird, stimmt – auch wenn es das letzte 4-Tassen-Modell aus Edelstahl ist

Mein Sohn macht sich unterdessen an teuren Porzellan-Kannen zu schaffen und rennt mit großen Augen durch die Regalkorridore – haarscharf an den Kanten und Ecken der Regalbretter vorbei. Von Verkaufspersonal weit und breit keine Spur. Hilfe! Wo sind die tollen IKEA-Kinderbespaßungsterminals!? 1:2 – Einkaufen mit Kindern bedeutet Stress. Nur gut, dass ich mit ausreichend Zeit und Muße ins Feld gezogen bin. Jetzt aber gilt es, weitere Waffen zu zücken.

Kundenbindungssystem mit leichten Macken

Fühlt sich gut an: Frisch gedruckter Payback-Gutschein

Payback-Partner Galeria Kaufhof hat hier und da Terminals zum Einlösen von Payback-Punkten gegen einen Gutschein aufgestellt. Die Haushaltswarenabteilung im – wenn ich mich recht erinnnere – 4. Stock ist ein guter Platz. Also nichts wie zum Automaten, Payback-Karte vor den Scanner halten und – nichts! Auch eine Dame hinter mir scheitert am Gerät. „Ist wohl kaputt“, denke ich mir. „Wo steht ein anderer? Gibt’s dafür eine Instore-Map fürs Smartphone? Vielleicht sogar Personal, dass mir weiterhelfen kann?“ Leider nein. Ich schnappe Buggy und Sohnemann und klappere Stockwerk für Stockwerk nach Payback-Automaten ab. Verbotenerweise, denn Kinderwägen auf Rolltreppen sind nicht erlaubt. 1:3 – E-Commerce ist zumindest nicht gefährlich. Im Erdgeschoss werde ich fündig. Zum ersten Mal löse ich Payback-Punkte am Automaten ein. Prima Sache, wenn es funktioniert. Glücklich halte ich einen 8 Euro Gutschein in der Hand und gehe zur nächstgelegenen Kasse. Tor für diese Retail Experience: nur noch 2:3.

Technisch perfekter Spielzug des stationären Handels

Die Rabattmarke im digitalen Gewand: eCoupon von Payback

Die Kassiererin frage ich, ob ich zusätzlich noch einen eCoupon über 10 Prozent Nachlass einlösen könnte. „Kein Problem“, sagt das bislang freundlichste und einzigste Personal, mit dem ich in der vergangenen halben Stunde hier zu tun hatte. Sie zückt ihren Scanner, fährt über meinen frisch gedruckten Gutschein und über den eCoupon-Code auf meinem Smartphone. Endpreis: 25,25 Euro. Mehr als 10 Euro günstiger. Da freut sich doch der geplagte Shopper. Vorübergehender Ausgleich zum 3:3.

An der Kasse verläuft also alles reibungslos. Noch allzu gut kann ich mich an meine ersten Versuche erinnern, Mobile Coupons einzulösen. Beim ersten Mal vor drei Jahren bei Babywalz standen am Ende vier (!) Damen inkl. Store-Leiterin um mein Smartphone herum, um den Coupon angemessen entgegenzunehmen. Pluspunkt also für Kaufhof. Clearing-Verfahren und Hardware vor Ort scheinen bestens auf das Multichanneling-Zeitalter eingerichtet zu sein.

Wenn ich jetzt noch die gutgeschriebenen 33 Payback-Punkte und einen Check-out-Coupon von 10 Prozent Rabatt für ein fürstliches Mal im „Frische-Restaurant Leonhard’s“ in der 7. Etage einlöse, dann komme ich dem Amazon-Preis noch ein wenig näher. Wenn! Aber die Furcht vor dem Knöllchen ist größer.

Ein gerechter Sieg des E-Commerce – aber eine glückliche Schwiegermutter dank stationärem Handel

Galeria Kaufhof: 25,25 Euro + 2 Euro (Parkgebühren) = 27,25 Euro

Amazon: 21,48 Euro inkl. Versandkosten (Preis vom 10.8.); gegenwärtig gar: 20,62 Euro

Für diese Differenz hätte ich meiner Schwiegermutter noch einen tollen Espresso kaufen können – und mich bei ihr unsterblich gemacht. Endstand: Ein knappes 3:4 für den elektronischen Handel. Aber die Saison hat ja gerade erst begonnen.