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„die ärzte“ sind keine Spielverderber – im Gegenteil: Wie man aus einer altmodischen CD ein Überraschungs-Ei macht

Elektroautos lassen sich hierzulande ja ähnlich schwer verkaufen wie Musik auf irgendwelchen physischen Tonträgern. Die Plattenfirma der Kultband die ärzte hat sich deshalb was Besonderes einfallen lassen: die Gaming-CD.

Um es vorweg zu sagen: Ich war nie wirklicher ärzte-Fan. Zwischen (Fun-)Punks, Straight-Edge-Hardcore-Freaks, Wavern, Heavy-Metal-Kutten, Rockern und Neonazis – das waren die abgesteckten Terrains meiner Jugendszene in den 1980ern – entschied ich mich für die Langhaar-Fraktion. Da blieben die ärzte notgedrungen außen vor.

In meinem neuen Büro in Frankfurt teile ich mir nun einen Co-Working-Space mit der Filmmeisterei und filormedia. Beide hatten kräftig ihre Finger mit im Spiel bei der Produktion der Performance Videos zum neuen ärzte-Album. Bei der Videorelease-Party in unserem Loft kam ich dann – nach 25 Jahren ärzte-freiem Leben in Kontakt mit den neuen Songs. Die Spätfolgen: ein Ohrwurm namens „Waldspaziergang mit Folgen“.

Aber zurück zum Thema: Smart bzw. die Werbeagentur BBDO missbrauchte unlängst das „Smart Fortwo electric drive“ als Game-Controller, um das Stromautofahren spaßig zu machen. Und auch die Marketing-Experten hinter dem neuen ärzte-Album wissen: Geschichten erzählen und Marke inszenieren ist das A und O – sei es in einem YouTube-Video oder über ein cooles Brettspielverschnitt getarnt als CD-Booklet.

Hinzu kommt: In der Regel altern Fans ja mit ihren Idolen. Bei den ärzten werde ich das Gefühl nicht los, sie müssen neben pogotanzenden Postpubertierenden immer auch noch eine Horde kreischender Teenies bei der Stange halten. Mein Gefühl mag täuschen, die Vermarkter stellt es aber vor die Herausforderung, zunehmend altersweise Punkrocker hipp und überraschend anders an die Fans zu bringen. Da ist eine ungewöhnliche CD-Verpackung nicht das schlechteste Mittel. Und – nebenbei gesagt – die Performance Videos zur neuen Platte „auch“ finde ich genauso gelungen.

Spielen wird im 21. Jahrhundert zu dem, was das Arbeiten in den letzten 300 Jahren der Industriegesellschaft gewesen ist – unsere wichtigste Art, Wissen zu erwerben und Wertschöpfung zu betreiben. (Pat Kane in seinem Buch „The Play Ethic“)

Außerdem: Gaming liegt schwäääääääääär im Trend:

  • Lego Serious Play etwa ist das Erwachsenen-Pendant des Kinderspielzeugs und wird in Management-Seminaren angewendet.
  • Mit Kartenquartetts werden heute mitunter komplexe Sachverhalte spielend vermittelt – so etwa bei den Ideo Method Cards.
  • Das Zukunftsinstitut hat mittlerweile eine ganze Produktreihe von spielerischen Workshop-Tools im Programm – vom „Creative Job Poker“ bis zur „WorkBox Cross Innovations“.
  • Das „Business Wargaming“ und Rollenspiele zählen zum Methodenrepertoire der Zukunftsforschung.
    Neulich habe ich über den spielerischen Ansatz in einer Abschlussarbeit zur Zukunft des Packaging geschrieben. Über die Play-Gesellschaft habe ich an anderer Stelle berichtet. Und eines meiner Seminare vor ein paar Jahren trug den Titel „Work’n’Play“.
  • Last but not least: Mit Videospielen, MMORPGs wie „World of Warcraft“ oder Casual Games wie „farmville“ werden mittlerweile Milliarden gescheffelt. Eine Entertainment-Branche, die mehr Umsatz generiert als die Filmindustrie.

Kurz: Spielen ist Volkssport – ob im feinen Business-Zwirn oder mit Oma an der Nintendo Wii. Es ist aber auch ein Vermarktungstrick und unter dem Kampfbegriff „Gamification“ so etwas wie der Methodenkniff bei der Meisterung oder – je nach Standpunkt – der Ego-Datenmüllproduktion des digitalen Lebens.

Das Überrachungs-Ei der neuen Platte „auch“

Das Überraschungs-Ei der neuen Platte „auch“: Die Lyrics sind auf der Rückseite der Spielfläche (Foto: AH)

Im schmucken Retro-Look jedenfalls kommt die Albumhülle der Berliner Band daher. Zumindest der in die Jahre gekommene ärzte-Fan wird sich in verspielte Kinderzeiten am Küchentisch zurückversetzt fühlen – irgendwo zwischen abgewetzter Mensch-ärgere-dich-nicht-Schachtel und einem klebrigen Jim-Knopf-Puzzle aus den 1960er Jahren. Verantwortlich für die Illustration ist die Hamburger Designschmiede TYPEHOLICS.

Das Album hat es musikalisch – das sage ich wohlgemerkt als langjähriger Ignorant der „Besten Band der Welt“ – und im wahrsten Sinne des Wortes in sich. In der quadratischen zwei Zentimeter dicken Schachtel ist natürlich die CD. Die aber ist Teil eines rouletteartigen Brettspiels. Spielfiguren sind die Kronkorken b(ela), f(arin und r(od).

Auf einzelnen Spielfeldern sind die Titel der CD mit entsprechender Handlungsanweisung angeteasert. Mein Lieblingssong etwa: „Waldspaziergang mit Folgen – Du bist Gott und darfst bestimmen – leiiiider nur für 30 Sekunden.“ Herrlich! Die Spielregeln stehen im Netz.

Fazit: Spiel, Spaß, Spannung – ein bewährtes Rezept

Die Fun-Punkrocker die ärzte brauchen ja eigentlich keinen Spaßkatalysator. Ironie, Provokation und Witz sind den Musikern in die Wiege gelegt. Aber etwas subtiler und reifer sind sie schon geworden. Vielleicht passt deshalb das ungewöhnliche CD-Packaging des neuen Albums so gut zur Band. Ein schönes Gimmick mit Überraschungseffekt für all diejenigen ärzte-Fans, die noch nicht einmal mehr wissen, dass Musik mal auf CDs gepresst wurde. Retro-Retros und Puristen können die ärzte ja immer noch auf Vinyl kaufen. Also: Ein grafisch durch und durch gelungenes Packaging, nach dem sich die Sammler die Finger lecken werden. So was wirft man bestimmt nicht weg, wenn die Songs in der Cloud oder auf dem MP3-Player verstauben. Und ganz wichtig: Zweitkäufe werden durch verkratzte „Tonträger-Drehscheiben“ provoziert ;-)