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Bestattung 2.0: Wo Würde und Witz eng beisammen liegen

Es gibt Dienstleistungen, deren Inanspruchnahme ist – im wahrsten Sinne des Wortes – so sicher wie der Tod. Dazu gehören zweifelsohne die Vertreter der Bestattungsbranche. Diese hat in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren eine Entwicklung der Enttabuisierung durchgemacht. Die Folge daraus: Mittlerweile sind zahlreiche neue Konzepte am Markt, bei denen sich Lebende und erst recht Trauernde fragen: „Darf man das? Gebietet das der Anstand? Ist das würdevoll?“ Wie viel Innovation also verträgt Tod und Trauer?

Hier ein paar Beispiele, über die Sie, liebe Leserinnen und Leser, selbst urteilen mögen.

Regenbogen-Urne (Foto: AH)

Regenbogen-Urne (Foto: AH)

Diversity-Marketing

In der „Multi-Kulti“-Metropole Frankfurt gestaltet die „Pietät am Dom“ ihr Schaufenster mit einer Urne in Regenbogenfarben. Nachahmer bitte Vorsicht: Nicht alle Bestattungsberater haben unbedingt ein Händchen im Umgang mit schwulen oder lesbischen Klienten. Was in Teilen bereits beim Fokus auf Kunden mit Migrationshintergrund gelöst ist – türkische Verkäufer beraten türkische Kunden etc. –, muss so auch vor dem Hintergrund der Vielfalt der Lebensstile über entsprechende Maßnahmen bei der Mitarbeiterschulung und -organisation aufgegriffen werden.

Erfrischend anders: der Direktbestatter in Frankfurt-Ginnheim (Foto: AH)

Erfrischend anders: der Direktbestatter in Frankfurt-Ginnheim (Foto: AH)

Direktbestatter

Direct-Banking, Direktversand, ok – aber Direktbestatter?! Da fragt man sich schon, welche Dimension hier gemeint ist: Die Zeit („schneller unter der Erde“) oder der Ort (Friedhof um die Ecke). Und schnell vermutet man hinter diesem Namen auch eine Discount-Bestattung „all inclusive“. Dass alles unzutreffend ist, beweist die mittlerweile an zwei Standorten im Rhein-Main-Gebiet ansässige Direktbestatter GmbH. Auf was der Direktbestatter verzichtet, ist angestaubte Trauerdeko. Auch bei der Wahl des Corporate Designs ging man bewusst neue Wege (mehr dazu hier »).

Kontakt zum Direktbestatter via Smartphone (Foto: AH)

Kontakt zum Direktbestatter via Smartphone (Foto: AH)

Das offensichtlichste Unterscheidungsmerkmal aber sind Preistransparenz (vermittelt u. a. über einen Online-Kalkulator) und der prominente Einsatz des QR-Codes auf der Eingangstür für direkte und schnelle Information (www.direktbestatter.de).

Schöner Sterben

Wer auch nach dem Ableben auf einen feinen Zwirn achtet, der greift auf maßgeschneiderte Leichenhemden zurück. Die Diplom-Designerin Afra Banach hat diese Nische kultiviert und ist mit ihrer Kollektion deutschlandweit die einzige Antwort auf standardisierte Totenhemden. Zu ihrem Produktversprechen zählen individuelle Motive und hochwertige Qualität „made in Germany“. Interessant sind auch die Social-Media-Aktivitäten der jungen Unternehmerin, die neben der Kreation von Bestattungswäsche auch ein Grafikbüro unterhält. Sowohl Facebook, als auch Twitter werden für Marketing und Kommunikation genutzt. Über den passwortgeschützten Online-Shop kann ich mir kein Urteil erlauben – noch ist kein Stoff-Bedarf meinerseits angemeldet. In 20 Jahren dann gerne.

Der Bestatter für digitales Sterben (Bild: screenshot, AH)

Der Bestatter für digitales Sterben (Bild: screenshot, AH)

Digitale Nachlassverwaltung

Weitgehend ungeklärt ist bislang, was mit den – mittlerweile ausgiebig hinterlassenen – persönlichen Daten online passiert, wenn man stirbt. „Zombie-Accounts“ auf Facebook sind bei über 800 Millionen Mitgliedern weltweit keine Seltenheit mehr. Weil nun von Sterbefällen Betroffene das Bewusstsein für das Problem erhöht haben, bieten einige Online-Unternehmen inzwischen an, sich um den digitalen Nachlass zu kümmern. Eine wahre Daten-Industrie schickt sich an, am Digitalen Ich bzw. an dem, was davon übrig bleibt, zu verdienen: Anbieter wie Legacy Locker versprechen Nutzern, ihre Daten nach dem Tod zu verwalten, sie zu löschen oder dazu bevollmächtigte Freunde und Verwandte zu kontaktieren, um damit weiter zu verfahren.