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Schlecker auf dem Weg zum Nachbarschaftsladen

„Trend verpennt!“ möchte man der Schlecker-Familie seit Jahren hinterherrufen. Jetzt überrascht der Drogerie-Gigant mit einer 180-Grad-Wende und einer Punktlandung in der Neuen Mitte. So will man in den kommenden 18 Monaten 230 Millionen Euro in ein neues Ladenkonzept investieren, das dem in SALES DESIGN beschriebenen Shop-Typus „Nachbarschaftsladen“ sehr nahe kommt.

„Fit for Future“ ist das ausgegebene Motto der neuen Strategie. „Wohlfühlatmosphäre statt Tiefstpreise“ – letztere wird es natürlich immer noch geben – das Lockmittel für Kunden. Denn diese sind abgewandert oder haben sich erst gar nicht mehr in die Filialen mit schwer lesbarem Sortiment, engen Laufwegen und penetrierendem Werbe-TV getraut.

Heller, freundlicher, einladender soll sie nun werden, die Schlecker-Filiale der Zukunft, mit der man nicht nur wieder mit dem direkten Konkurrenten dm drogeriemarkt aufschließen möchte, sondern das ramponierte Image aufzumöbeln erhofft. Lars Schlecker, Sohn des Firmengründers und Miteigentümer, sagt: „Wir wollen ein guter Nachbar sein und uns in kleinen Orten genau den Bedürfnissen der Menschen anpassen.“ Im württembergischen Allmendigen wurde bereits die erste Filiale im neuen Gewand eröffnet.

Bei diesem Paukenschlag, der einen Relaunch des gesamten Corporate Designs mit sich zieht, geht eine vermeintliche Randnotiz etwas unter. Für die Zukunft der Drogeriekette, die 2010 rund 6,55 Milliarden Euro umgesetzt hat, dürfte sie aber ausschlaggebend sein. Wie auf der Unternehmens-Website zu lesen ist, will man auch in Sachen Multi-Channelling eine Schippe drauf legen. So heißt es: „Indem wir das Filialgeschäft mit der Möglichkeit verknüpfen, auch stärker über das Internet bei uns einzukaufen, haben wir gegenüber unseren Wettbewerbern einen klaren Vorteil. Denn unsere Kunden können dann im Internet bestellen und die Ware auch direkt in einer unserer nächsten Filialen abholen.“ Zeitersparnis und Convenience sind dann ein triftiger Grund für Kunden, Drogerieartikel nicht bei der Konkurrenz, sondern fertig eingetütet im Nachbarschaftsladen Schlecker abzuholen. Diverse Lebensmitteleinzelhändler fahren ja ebenfalls bereits Pilotprojekte in diesem Bereich.

Die Ironie der (Handels-)Geschichte will es vielleicht, dass eben dort, wo Tante Emma vertrieben wurde, Schlecker sie mit seinem imposanten Netz von 9.000 Geschäften alleine in Deutschland wieder auferstehen lässt. Den Mitarbeitern wird es hoffentlich genauso gefallen.

1 Kommentar
  1. Sollte ausgerechnet die Schlecker-Pleite der Anstoß in Richtung Tante Emma sein? Die Wirtschaftswoche vom 27.2.2012 berichtet, die Gewerkschaft bringe sich mit einem Solidaritätstag für die Schlecker-Beschäftigten in Stellung und diskutiere „unkonventionelle Rettungsansätze“. Demnach denken die Gewerkschaftler über einen Schlecker mit staatlicher Unterstützung nach, der defizitäre Dorfläden am Leben halten und sich gar zu einer Genossenschaft wandeln könnte.
    Ich wundere mich derweil über eine Auslage am Kassentresen unter dem Titel „Wir sind weiter für Sie da!“ Als hätte man nicht mehr zu sagen, ist der gleiche Text auf Vorder- und Rückseite zu finden: „Schlecker-ist-ein-toller-Arbeitgeber-und-ist ganz-nah-beim-Kunden“ – und leider sind ein paar Lieferanten skeptisch. Die Nachrichten vermelden derweil, dass Insolvenzverwalter Geiwitz die Streichung jedes 2. Arbeitsplatzes bei Schlecker ins Auge fasst. Es bleibt dramatisch.