Wirtschaftspublizist & Innovationsberater
Tel. +49 (0)69 578013 92

„Das Teil find‘ ich voll sü-ü-ß“ – Haul-Videos sind nutzergeneriertes Marketing für den PoS

Auszug aus dem Trenddossier „Social Commerce“ (2008)

Auszug aus dem Trenddossier „Social Commerce“ (2008)

„Verkaufen im Community-Zeitalter“ ist das von Jochen Krisch und mir verfasste Trenddossier „Social Commerce“ vom Januar 2008 untertitelt. Nur am Rande haben wir darin auf die Bedeutung von Social Media für den PoS hingewiesen (siehe Abb.). Mit den sog. Haul-Videos, privaten YouTube-Videos, in denen meist jüngere weibliche Personen charmant und authentisch ihre Beutezüge bei Primark, H&M & Co schildern, ist nun eine neue Stufe des nutzergetriebenen Marketings erklommen. Der Trend schwappt gerade aus dem angelsächsischen Sprachraum nach Deutschland.

An technischen Lösungen und Szenarien, das Social Shopping am PoS zu erleben, mangelt es nicht: Facebook in die Umkleidekabine zu tragen, ist ein Modell, dass schon längere Zeit verfolgt wird – aber allzu technisch und Big-Brother-like daher kommt. Auch die interaktive Diesel Cam, in der man/frau bei der Kaufentscheidungsfindung den direkten Draht zu Facebook-Freunden findet, hat es noch nicht über die spanischen Landesgrenzen hinaus gebracht. Denn wahrscheinlich wird anders ein Schuh draus: In Zukunft können sich Freunde und Millionen von Zuschauern den Shopping-Bericht per YouTube reinziehen und selbst Empfehlungen entgegen nehmen.

Haul-Videos erfreuen sich nämlich derzeit großer Beliebtheit. Die englische Vokabel „haul“ bedeutet so viel wie Fang oder Ausbeute. Ein wichtiges Prinzip des internetbasierten Social Commerce ist hier übertragen auf den tatsächlichen Einkauf am PoS: Nutzer empfehlen Freunden über die Kontakt-Verzweigungen in sozialen Netzwerken und auf Social-Media-Plattformen Produkte. „Verkaufen lassen“ ist hier die unfreiwillige, aber durchaus gewinnbringende Devise des unbeteiligten Händlers.

Kein Unternehmen hat es bisher besser verstanden, die virale Kraft der sozialen Netzwerke als Basis eines Geschäftsmodells im Fashion-Bereich zu nutzen als der Social-Commerce-Pionier www.polyvore.com. Sind es hier die sog. Style-Sets, in denen meist weibliche User anderen vorschwärmen und zeigen, was man gerne im Kleiderschrank hätte, sind es bei den Haul-Videos Erlebnisberichte von Shopping-Touren. Eine neue Mischung aus Teleshopping und nutzergenerierter Produkt- und Händlerbewertung, dessen Akzeptanz nur allzu deutlich an den Zugriffszahlen abgelesen werden kann. Mehr dazu auch auf Wikipedia. Ein Beispiel von einem Primark Haul hier:

Trendprognose: Das Internet ist in Zukunft vor allem dann ein Umsatz förderndes Werkzeug für den PoS, wenn es Händlern gelingt, analoges Leben (Shopping in der Fußgängerzone) mit digitalen Kommunikationslandschaften (z.B. Empfehlungs- und Sharing-Plattformen) zu kreuzen und dadurch spürbaren Mehrwert auf Seiten der Kunden zu generieren. Entscheidend bei der Durchsetzung der neuen Kommunikationstools im Retail-Bereich wird allerdings sein, wie viel Widerstand die Verbraucher gegen die Big-Brotherisierung des Shoppings leisten. Denn klar ist auch, Social Retailing ist ohne gläsernen Kunden nicht denkbar. Beim Thema Videoshopping ist allerdings noch viel Luft nach oben. Schließlich ist YouTube mittlerweile die meist genutzte „Suchmaschine“ nach Google.