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Play Berlin – Treffpunkt nicht nur für Nerds [Interview]

Direkt am Alexanderplatz eröffnete im November 2008 die erste deutsche Wii-Bar „Play Berlin“. Man mag dahinter eine pfiffige Marketingstrategie von Nintendo vermuten. Doch weit gefehlt, wie das Zukunftsinstitut im Interview mit Georg Senoner, dem Geschäftsführer des „Play Berlin“ herausfand.

Die Idee hatte ein kreativer Berliner, der die privaten Wii-Partys in Wohnzimmern von Freunden gerne in ein ansprechenderes Ambiente verlegen und für besseres Equipment sorgen wollte. Obwohl die Betreiber Nintendo mit ins Boot holen wollten und die Skizze für das Konzept eines gastronomisch geprägten Flagship-Stores lieferten, bekam „Play Berlin“ eine Absage aus Japan. Auf eigene Faust setzt Geschäftsführer Georg Senoner nun Maßstäbe in der Play-Gastronomie.

Von Firmenevents über Junggesellenabschiede bis zum 50sten Geburtstag und Vorglühen für das Nachtleben am Wochenende – das Publikum ist alters- und milieuübergreifend. Das Daddeln kostet 8 Euro pro Stunde und Tisch, für abgetrennte Logen müssen 19 Euro hingelegt werden. Online-Reservierungen sind ebenso möglich wie der Beitritt in den Player’s Club, der VIP-Gäste mit exklusiven Angeboten, Einladungen zu speziellen Events und Bonusaktionen versorgt.

„Play Berlin“ hat den Integrationspreis verdient: die Bar wird zur öffentlichen Bühne für den einstigen PC-Stubenhocker – und das bei loungiger Club-Atmosphäre.

Inzwischen hat eine weitere„Play Berlin“-Bar eröffnet: und zwar wieder an einem Knotenpunkt in Berlin, nämlich in der Nähe des Hauptbahnhofes. Seit Oktober 2009 kommen Wii-Spielwütige nun auch am Washingtonplatz auf ihre Kosten.

Das Besondere: Wii-Begeisterte lassen sich aus den privaten Räumen in eine öffentliche Bar locken: die Bar wird zum Treffpunkt für Gamer.

Playberlin 1 Play Berlin 2 Play Berlin 3 Play Berlin 4

Bareröffnung: November 2008
Mitarbeiter: Geschäftsführer Georg Senoner, 15 Mitarbeiter (Servicepersonal und Techniker)
Adresse der Bar: Alexanderstraße 7, 10178 Berlin
Homepage: http://play-berlin.de
Social Networks: Gruppe in StudiVz

Das Zukunftsinstitut sprach mit Georg Senoner (GS), dem Geschäftsführer von „Play Berlin“.

Interviewerin: Ani Ohanian (ZI)
Ort: Berlin
Datum: 24.07.2009
Dauer: ca. 15 Minuten

ZI: Wie sind Sie auf die Idee gekommen Play-Berlin zu eröffnen und welches Konzept steht dahinter?

GS: Wie so oft wahrscheinlich ist die Idee einfach aus meinem täglichen, privaten Leben entstanden. Im Frühherbst des Jahres 2007 saßen wir, ich glaube an einem Samstagabend in größerer Runde zusammen und überlegten, ob wir später vielleicht noch in einen Club gehen und feiern sollten. Wir wussten nicht, was wir denn in den Stunden davor machen könnten. Eigentlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, man geht z.B. ins Kino oder in eine Bar, was es da halt so alles gibt. Wir aber waren unentschlossen, weil der eine wollte das nicht, der andere dieses nicht. Und dann holte ein Freund seine neu erstandene Wii-Konsole hervor. Ich war zunächst nicht so begeistert, weil ich mit Videospielen eigentlich nicht viel am Hut habe, musste aber feststellen, dass es durch die neuartige Steuerung wirklich Spaß macht, gerade für Leute, die bis dahin noch keinen richtige Zugang zu Videospielen hatten. Es wurde ein lustiger Abend und wir haben zwei, drei Wochen später auf einer privaten Geburtstagsfeier eine kleine Wii-Ecke eingerichtet und gemerkt, das es eine große Resonanz gab, vor allen Dingen auch bei Frauen.
Nach diesem Abend kam mir der Gedanke, dass man das Ganze auch auf eine kommerzielle Ebene heben könnte, weil gerade oftmals die eigenen vier Wände den Spielspaß begrenzen. Man hat nicht genügend Platz, nicht die richtige Infrastruktur oder das richtige Equipment. Außerdem ist das Spielen in geselliger Runde irgendwie lustiger als alleine zu Hause.

ZI: Wollten Sie, als Sie die Idee dazu hatten, den Laden in Kooperation mit Nintendo gründen?

GS: Der erste Gedanke war einen Showroom, Flagship-Store, was heutzutage viele Consumer-Elektronics-Hersteller haben, zu gründen, den wir dann betreiben und der sozusagen ein Aushängeschild für Nintendo wird. Wir hätten dann natürlich einen starken Partner und für Nintendo wäre es gut, denn sie könnten ihre Konsumenten direkt am Produkt „bearbeiten“. Ein direkteres Marketing gibt es fast gar nicht. Wir haben diese Idee Nintendo vorgestellt und das Konzept wurde sehr gut aufgenommen, sie wussten aber schon von Anfang an, dass es in dieser Art und Weise, wie wir es uns vorgestellt hatten, leider nicht realisierbar war, weil die Firmenpolitik aus Japan sehr strikt ist. Leider geht Nintendo mit großer Vorsicht an solche Experimente. Wir bekamen eine Absage, weil es finanzielle Probleme gab und Nintendo nicht an die Realisierbarkeit eines solchen Projektes glaubte. Sie würden uns aber gerne unterstützen. Wir haben das Konzept dann etwas umgeschrieben und betreiben jetzt den Laden auf eigene Faust. Aber der Gedanke eine Art Showroom, nach dem Vorbild von Apple zu machen, war von Anfang an da. So etwas gibt es mittlerweile glaube ich schon in München.

ZI: Sie öffnen Ihren Laden immer um 19:00 Uhr und mich würde interessieren, was dann so passiert?

GS: In den besten Fällen füllt sich der Laden recht schnell. Besonders im Winter kommt es häufig vor. Unsere Zielgruppe hat sich, ähnlich der der Wii, sehr verbreitert. Unter der Woche sind es meistens Büroarbeiter, die nach der Arbeit noch eine Runde bowlen, golfen oder ein Feierabendbier genießen wollen. Freitag- oder Samstagabends sind es mehr jüngere Leute, die daraus entweder eine komplette Abendgestaltung oder eine Aufwärmübung für die noch anstehende Partynacht machen. Speziell samstag- oder sonntagnachmittags ist es mehr ein Kontrastprogramm und es kommen vermehrt Familien, die mit ihren kleinen Kindern, welche auch häufig laut werden, zusammen spielen wollen. Die Bandbreite der Leute ist wirklich sehr groß. Es wurde auch hier schon ein fünfzigster Geburtstag gefeiert. Von jung bis alt sind alle Altersgruppen vertreten.

ZI: Was kostet die Reservation oder Miete einer Spielstation?

GS: Das ist relativ günstig. Sie sehen hier diese Tische an denen jeweils eine Spielstation ist, die für etwa fünf bis sechs Personen gedacht ist. Wir haben auch größere Stationen, an denen bis zu zwölf Personen spielen können. Das Spielen kostet 8 € pro Stunde und wenn man es dann noch auf fünf bis sechs Personen aufteilt, ist der Preis relativ günstig. Wir leben praktisch nur von dem Gastronomieumsatz. Es gibt fünf Logen, die für Personen, die etwas mehr Privatsphäre wollen, reserviert sind, weil manchen Leuten ist es peinlich, wenn sie von anderen Personen gesehen werden, während sie vor dem Bildschirm „abzappeln“. Leute die z.B. einen Junggesellenabschied oder eine Geburtstagsfeier feiern, und sich vom Rest etwas abschotten wollen, mieten sich häufig solche Logen, in die auch bis zu zwölf Personen passen. Eine Loge kostet 19 € pro Stunde. Die Leute sind oft über die niedrigen Preise verwundert. Es gab sozusagen kein Vorgängermodell und deswegen war es schwer die Preise festzulegen. Auch wussten wir nicht, was die Leute bereit sind zu zahlen, wenn sie doch auch zu Hause spielen können. Im Nachhinein merkt man, dass man theoretisch deutlich teurer werden könnte. Wenn wir dann neue Filialen im Bundesgebiet eröffnen werden, wird sich der Preis auch etwas verändern.

ZI: Wie viel Personal beschäftigen Sie?

GS: Unser Team besteht aus ungefähr 15 Mitarbeitern. Die Zahl schwankt zwischen drei bis fünf Mitarbeitern unter der Woche und sechs bis acht am Wochenende. Wir haben mehrere Personen hinter der Bar und im Service, die sich auch um die Technik kümmern.

ZI: Wird ihr Personal speziell geschult, oder muss es auf igendetwas Besonderes achten?

GS: Jeder der bei uns anfängt, muss, weil es nicht nur ein simpler Kellnerjob ist, einen eineinhalb Stunden dauernden Einführungskurs machen. Vor allen Dingen ist eine Einweisung in die Technik nötig.

ZI: Welche Rolle spielt für Sie das Internet?

GS: Eigentlich eine relativ geringe. Es ist für uns nur eine Plattform für Informationen und Reservierungen. Ca. 80% der Besucher reservieren vorher ihre Plätze und der größte Teil davon macht es online. Im Spielbetrieb nutzen wir das Internet nicht, obwohl man mit der Konsole auch das Internet nutzen kann, aber das wird selten verlangt.

ZI: Welche Pläne haben Sie  für die Zukunft und was möchten Sie in Ihrem Laden noch verändern?

GS: Generell ist geplant, sich mit dem Konzept „Play“ nicht mehr nur auf die Nintendo Wii zu beschränken. Man kann nicht sagen, wie lange dieser Hype, dass die Leute so enormen Spielspaß haben, noch andauern wird. Vielleicht sind es nur noch ein oder zwei Jahre. Unser Ziel ist, mit der Marke „Play“ zu erreichen, dass sie generell für digitales Spielvergnügen, in welcher Form auch immer, steht. Ich denke, dass Videospiele nicht mehr aus unserer Gesellschaft zu verbannen sind. Ob es in, wie gesagt, zwei bis drei Jahren Hersteller „XY“ ist, der irgendwelche innovativen Techniken auf den Markt bringt, wissen wir nicht genau. Wir arbeiten schon länger mit verschiedenen Interface-Designern zusammen, die überlegen, wie man gewisse Teile dieses Raumes interaktiv gestalten könnte. Mit der neuen Software V4 kann man Bilder auf die Wände projizieren. Auf Bewegungen im Raum reagieren dann die Bilder. Hier findet sich Spielen auch im weitesten Sinne wieder. Das Konzept „Play“ soll auf digitales Spielen, aber besonders auf die erwachsene Zielgruppe zielen und ausgebaut werden. Im Zuge dessen wollen wir nicht auf dem einen Laden verbleiben, sondern planen konkret bundesweit Neueröffnungen.


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