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Kiosk – Werkstatt für handgemachte Unikate [Interview]

Liest man das Ladenschild „Kiosk“ und betrachtet das Schaufenster, ist man im ersten Moment irritiert: Statt Getränke und Zeitschriften werden Textilkarten und selbstgemachte Accessoires aus Filz und Stoff feilgeboten. Das Zukunftsinstitut sprach mit der Kioskbetreiberin Tina Kruse.

Fünfzig Jahre lang befand sich in den Räumlichkeiten eine traditionelle Frankfurter Trinkhalle. Nun ist es ein Ladengeschäft für handgefertigte Unikate und Dekor auf 16 Quadratmetern. Die Besitzerin Tina Kruse machte mit diesem Werkstatt-Laden ihr Hobby zum Beruf und hängte ihren eigentlichen Beruf an den Nagel, nachdem sie jahrelang ihre Produkte nur nebenbei auf Designermärkten anboten und in anderen Läden ausgestellt hatte.

Das Besondere: die Umfunktionierung einer Trinkhalle zu einem Kiosk mit integrierter Werkstatt für handgefertigte Unikate.

Kiosk 1 Kiosk 2 Kiosk 3 Kiosk 4

Ladeneröffnung: November 2008
Mitarbeiter: eine Geschäftsführerin
Ladenadresse: Musikantenweg 32, 60316 Frankfurt
Homepage: keine

Das Zukunftsinstitut sprach mit Tina Kruse (TK), der Betreiberin von „Kiosk“.

Interviewerin: Janine Seitz (ZI)
Ort: Frankfurt
Datum: 04.08.2009
Dauer: ca. 30 Minuten

TK: Ich bin Quereinsteiger und ich habe mich für die Selbstständigkeit entschieden, weil mir mein früherer Beruf keinen Spaß mehr gemacht hat.

ZI: Was haben Sie davor gearbeitet?

TK: Ich bin gelernte Diplomvolkswirtin, habe aber von meiner Kindheit an diese Textilarbeiten nebenhergemacht. Ermuntert durch Freunde, die mir sagten, dass meine Arbeiten ganz gut ankommen, habe ich mich entschlossen, mich in diese Richtung zu orientieren und meine Sachen dann auch nach außen zu präsentieren. Zunächst wollte ich sie nicht vorwiegend in einem Laden anbieten, sondern eine Präsentationsplattform finden. Ich war auf kleineren Designermärkten, weil man dort Leute kennenlernen kann, mit denen sich eine Kooperation anbieten könnte. In dem ein oder anderen Frankfurter Laden habe ich meine Produkte dann auch angeboten. Ich habe aber recht bald zwei Dinge festgestellt: Erstens limitiert es einen sehr, weil meine Produkte in die Läden passen müssen, was mich davon abhielt neue Sachen auszuprobieren, weil es nicht der Sinn dieser Sachen ist, bei mir zu Hause herum zu stehen. Zweitens sind die Margen, die man mit diesen selbst gemachten Produkten erzielen kann, nicht besonders groß. Es sind nicht die Materialkosten, sondern die enorme Zeitaufwendung, die dann zum Teil für Kommissionen draufgeht, die man den Läden zahlen muss.

ZI: Dann muss man auch in diesem Sinne verkaufen.

TK: Ja, man steht von der Seite her unter Druck. Je länger ich mich mit der Angelegenheit befasste, merkte ich, dass mein Arbeitsplatz zu Hause nicht mehr ausreicht. Es war einfach nicht mehr möglich, also suchte ich nach einem neuen Arbeitsbereich. Ich wohne hier in dieser Gegend und der Kiosk stand leer. Ich saß am Merianplatz und habe einen Kaffee getrunken und dachte plötzlich, eigentlich ist dieser Kiosk klein genug, weil man braucht nicht sehr viel Platz für eine Verkaufsstelle oder einen Ausstellungsplatz. Er hat einen Eckbereich, der mich auch angesprochen hat. Und im Grunde muss ich sagen, die zwei Ebenen, als ich das dann mal gesehen habe, weil davor war es noch ein Schuppen, man konnte es also gar nicht so genau sehen, bieten sich an, dass der Kunde sich die Sachen in Ruhe anschauen kann, ohne dass man immer neben ihm steht. Der Laden hat eine Fläche von 16 Quadratmetern und deswegen ist es ausgeschlossen, dass sich der Kunde frei bewegen kann, wenn es nicht zwei Ebenen gibt. Mit den ganzen Eindrücken und dem Gefühl, dass die Testphase erfolgreich war, entschloss ich mich dann, den Laden aufzumachen.

ZI: Haben Sie bewusst den Namen „Kiosk“ übernommen?

TK: Der Laden war davor 50 Jahre eine Trinkhalle oder Wasserhäuschen. So konnte ich ihn natürlich nicht nennen. Vielleicht wäre Kartenhäuschen, weil man sich so auf das Produkt festlegen könnte, ganz gut. Aber der ursprüngliche Name Kiosk ist so etwas wie eine Wandelhalle und daher habe ich gedacht, da sich mein Laden als Galerieshop präsentieren soll, belässt man es am Besten bei dem alten Namen.

ZI: Was verkaufen Sie jetzt hier?

TK: Hauptsächlich meine selbstgemachten Sachen. Das sind textil-künstlerische Arbeiten und Accesoires. Ich gebe Ihnen den Flyer mit, da stehen die Produkte auf der Rückseite drauf. Ich verkaufe auch Textilkarten und Gürtel, aber ich lege mich da ungern fest, weil der Spaß an der ganzen Sache ist, dass man sich immer weiterentwickeln kann. Deshalb steht auf dem Schild nicht Accesoires, sondern Unikate. Das Besondere ist, das es nicht nur Accesoires sind, sondern Deko-Accesoires. Ich möchte in der nächsten Zeit auch in Richtung Kleinmöbel mit Stickerei gehen. Bisher bin ich dazu aber leider zeitmäßig nicht gekommen.

ZI: Seit wann gibt es Ihren Laden?

TK: Seit Ende November 2008.

ZI: Welche Kundengruppe kauft hauptsächlich bei Ihnen?

TK: Bei mir kaufen alle Altersschichten ein. Teenies wiederum weniger, vielleicht mal einen Gürtel, aber das ist meines Erachtens auch mehr eine Geldfrage. Es ist nicht so, dass es die jüngere Kundschaft nicht ansprechen würde. Ich würde sagen, von Mitte 20 bis Mitte 60 reicht das Alter. Ich könnte auch nicht spezifizieren, welche sozialen Gruppen bei mir einkaufen.

ZI: Kommen auch andere Designer, die ihre Waren bei Ihnen ausstellen möchten?

TK: Ja, das ist sogar sehr häufig der Fall. Erstmal möchte ich aber selber Erfahrung sammeln, bevor ich viel von anderen aufnehme. Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht die Klarheit meines Konzeptes beeinträchtigen würde. Ich habe eine Kollegin, von der ich einige Sachen hier ausstelle und ich kooperiere mit einer Frankfurter Kleiderdesignerin. Ich habe eines der vorderen Schaufenster dafür vorgesehen, dass immer mal wieder, für einen begrenzten Zeitraum, jemand anderes dort ausstellen darf. Es gibt schon gute Sachen von anderen, aber ich möchte nicht so viel verdienen, wenn ich von jemand etwas aufnehme, weil ich mich selber an die Zeit erinnern kann, wo ich noch keinen Laden hatte. Außerdem möchte ich das nicht zu meinem Hauptpunkt machen. Mir geht es mehr um die Selbstherstellung und mir macht dieser Prozess viel Spaß. Auf 16 Quadratmetern muss man außerdem darauf achten, dass man den Laden nicht zu voll stellt. Es muss ins Konzept passen, darf nicht zu groß sein und muss mir gefallen, weil ich nichts verkaufen kann, was mir nicht gefällt. Das ist mir nicht gegeben. Es gibt Menschen, die können einfach verkaufen, aber dazu gehöre ich nicht. Der Laden ist vom Platz her einfach sehr beschränkt. Ich kann auch nicht immer alles, was von mir vorhanden ist, präsentieren. Den Verwaltungs- und Zeitaufwand, den man hat, wenn man auch Sachen von anderen Designern ausstellt, darf man nicht unterschätzen. Gerade in so einem kleinen Laden wird erwartet, dass es eine sachgerechte Beratung gibt. Man muss sich dann in die anderen Dinge einarbeiten und gute Beratung ist einfach sehr zeitaufwändig. Ich arbeite hier in dem Laden und habe gerne den Kundenkontakt und die Gespräche, aber man darf sich da nicht zu sehr von seinen eigenen Arbeiten ablenken lassen, weil man selber Neues produzieren und sich weiterentwickeln will.

ZI: Arbeiten Sie alleine, oder haben Sie Angestellte?

TK: Nein, ich arbeite alleine.

ZI: Haben Sie eine Schulung oder Weiterbildung als Verkäuferin gemacht?

TK: Nein, ich habe ursprünglich eine Banklehre gemacht und da bekommt man automatisch  Dienstleistungserfahrungen. Ich habe angeboten, in verschiedenen Läden dieser Größenordnung, ohne Bezahlung zu arbeiten und dort Erfahrungen zu sammeln, um einfach ein Gefühl zu bekommen, ob ich das kann, ob ich es durchhalte und ob es mir Freude macht. Das hat funktioniert und ich empfehle es weiter, weil man nicht Hals über Kopf einen eigenen Laden gründen darf. Ich habe neun Stunden pro Tag von Montag bis Samstag geöffnet und das ist eine lange Zeit.

ZI: Haben Sie seit November 2008 an Ihrem Laden schon etwas verändert? Haben Sie festgestellt, dass irgendetwas gar nicht funktioniert oder haben Sie sich etwas Neues überlegt?

TK: Ich habe festgestellt, dass es wichtig ist, dass Veränderungen stattfinden. Das kann auch für Ihren Rückschluss auf den Kundenkreis von Bedeutung sein. Ich würde vermuten, dass ein großer Teil der Kunden aus diesem Viertel kommt. Es ist natürlich klar, wenn der Kundenstamm relativ stabil ist, muss man den Leuten immer wieder etwas Neues zeigen, sonst läuft sich das tot und wird langweilig. Man kann Veränderungen in der Präsentation machen, die dann sofort wahrgenommen werden. Sie führen dazu, dass jemand noch mal einen Blick darauf wirft. Ich habe, mehr jahreszeitlich bedingt, einen Schirm und eine Bank vor den Laden gestellt. Im Laufe des Sommers werde ich dieses Haus renovieren lassen und deswegen lohnt es sich im Moment nicht, groß zu investieren. Die Preisgestaltung ist bei selbstgemachten Produkten schwer. Da sammelt man Erfahrungswerte, die auch wieder zu bestimmten Produkten zurückführen. Wenn die Sachen nicht teuer werden sollen, ist man natürlich gehemmt, teure Sachen herzustellen…

ZI: Oder teure Produkte zu verarbeiten…

TK: Nein, teure Produkte verarbeite ich schon. Auf der Materialseite würde ich keine Einschränkungen machen, dazu ist sie viel zu unwichtig in der Gesamtkalkulation. Die meisten Produkte sind relativ klein und was ich da an Material verwende ist nicht entscheidend. Man muss sich natürlich mit der Beschaffung befassen, ich möchte es jetzt nicht runterspielen, aber es gibt andere Läden, wo das ganz und gar nicht der Fall ist, weil das Material einfach eine viel größere Rolle spielt. Die Kosten für große Maschinen fallen bei mir auch weg und man ist viel flexibler, wenn man die Sachen selber herstellt. Das war mir schon klar, aber wie sich das im Verkauf auswirkt wusste ich nicht. Man kann besser auf Wünsche der Kunden eingehen und das Risiko, dass man mal auf etwas komplett sitzen bleibt ist relativ gering. Man testet, kommt das gut an und überlegt, ob man weiter in diese Richtung produzieren soll. Ich brauche so nicht in Vorlage treten. Zwar muss ich natürlich auch den Einkauf planen, aber mich nicht ein halbes Jahr vorher entscheiden, was z.B. im Herbst Mode oder angesagt ist und es dann produzieren zu lassen.

ZI: So sind Sie spontaner und flexibler…

TK: Ja, ich kenne viele, die angefangen haben und die an der Vorlage scheitern. Ihnen geht einfach die Liquidität aus. An und für sich könnten sie wirtschaftlich Erfolg haben, aber sie müssen immer in Vorleistung treten und wenn es einmal stockt und die Eigenkapitaldecke nicht groß genug ist, ist es schnell passiert. Das gilt besonders, wenn man außen arbeiten lässt. Für mich ist es nicht einmal ein wirtschaftlicher Grund, sondern ich habe einfach Spaß am Machen und das ist auch der Grund, warum ich das Ganze hier aufziehe. Auch wenn ich mehr oder weniger Handel treibe, ist das immer ein Problem.

ZI: Welche Rolle spielt das Internet für Sie?

TK: So gut wie keine. Meine Sachen sind Produkte, die man sehen und anfassen muss. Sie sind schwer zu beschreiben und zu fotografieren, wenn man es richtig machen möchte. Und es ist einfach auch eine Zeitfrage. Ich habe es mal bei DaWanda versucht, aber es hatte keinen Erfolg. Ich muss dazu sagen, ich bin selber kein großer Internetshopper, was sicherlich eine Altersfrage ist und mir wäre die ganze Versenderei zu lästig. Da hängt oft noch mehr dran, als es einfach nur zu produzieren.

ZI: Planen Sie eine eigene Website zu machen?

TK: Ich habe einen Blogspot, bei dem ich aber schon seit über einem Jahr kein Update mehr gemacht habe. Der ist noch von früher, als ich keine eigene Präsentationsmöglichkeit hatte. Das ist ein bisschen schade. Ich habe den Blogspot angefangen, weil es auch so eine Geschichte ist, die gerne mal in Vergessenheit gerät, um eine gewisse Archivierung oder einen Katalog anbieten zu können. Ich bin einfach nicht mehr dazu gekommen. Man muss da sehr aufpassen, denn ich denke von der Berufserfahrung bin ich relativ gut organisiert. Ich weiß, wo man sich verzetteln kann und ich denke ich habe einen Vorteil dadurch, dass ich schon mal an mehreren anderen Stellen gearbeitet habe.

ZI: Planen Sie etwas zu verändern oder wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

TK: Ich möchte den Außenbereich noch ein wenig einladender gestalten. Das ist dann vielleicht eine Möglichkeit irgendwann einmal Events zu machen, die nicht immer gleich riesengroß sein müssen.

ZI: Oder Sie könnten Kurse anbieten…

TK: Nein, ich bin nicht so der Lehrertyp. Ich plane aber, mehr Veranstaltungen oder Ausstellungen zu  integrieren. Ich bin einfach noch zu frisch dabei und möchte, weil viele der Dinge als Geschenkartikel verkauft werden, erstmal die Weihnachtszeit abwarten. Da war ich letztes Jahr zu spät. Wegen der ganzen Renovierung ging die Vorbereitung schleppender, aber ich hoffe, dass es diese Jahr besser klappt.


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