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Affentor – Gutes tun mit Designprodukten [Interview]

Affentor Frankfurt ist ein Projekt der Werkstatt Frankfurt, um langzeitarbeitslosen Frauen die Möglichkeit zu bieten wieder ins Berufsleben einzusteigen. In einer Manufaktur werden inzwischen kultige Designer-Taschen hergestellt. Das Zukunftsinstitut sprach mit Nana Agic, der PR- und Marketingverantwortlichen von Affentor.

Ursprünglich war die Schneiderei im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen am Affentorplatz. Im Jahr 2001 fand dann die Revolution von einer Schneiderei zum heute inzwischen kultigen Taschenlabel „Affentor“ statt: Die Designerin Eve Merceron nahm sich dem Projekt an, entwarf die Designs und ließ ausschließlich Taschen herstellen.

Die Philosophie basiert auf den Prinzipien der Gemeinnützigkeit und Nachhaltigkeit: In der Manufaktur können Frauen den Berufsabschluss Modenäherin erlernen, im Ladengeschäft werden sie zu Verkäuferinnen und Einzelhandelskauffrauen ausgebildet. Die verwendeten Stoffe stammen ausschließlich von Kleinhändlern aus der Region, sind meist Restposten und erfüllen ökologische Ansprüche. Außerdem unterstützt Affentor junge DesignerInnen, ihre Ideen umzusetzen und auch dann unter dem Label Affentor zu verkaufen. Affentor versteht sich selbst als Plattform, auf der Entwicklung, Produktion, Marketing und Vertrieb in einem realisiert werden.

Das Besondere: Gutes tun und gleichzeitig ein Trendprodukt herstellen.

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Ladeneröffnung: 2001
Mitarbeiter: Affentor Manufaktur: Betriebsleitung plus 34 Mitarbeiter, davon 25 Ausbildungsplätze zur Näherin, Affentor Laden: Projektleitung und Marketingmanagerin, Vertriebs- und Finanzkoordinatorin sowie 2 Ausbildungsplätze zur Verkäuferin
Ladenadresse:
Fahrgasse 23, 60311 Frankfurt am Main
Homepage: www.affentor.de

Das Zukunftsinstitut sprach mit Nana Agic (NA), der Projekt- und Marketingverantwortlichen von Affentor.

Interviewerin: Janine Seitz (ZI)
Ort: Frankfurt
Datum: 26.08.2009
Dauer: ca. 30 Minuten

ZI: Meine erste Frage bezieht sich auf das Konzept, das hinter dem Unternehmen steht. Also warum Sie mit diesem Konzept angefangen haben. Wie ist die Geschichte zu Affentor? Wie ist das Konzept entstanden? Und was hebt Sie von anderen Unternehmen ab, was macht Sie einzigartig?

NA: Ich beginne die erste Frage zu beantworten bezüglich der Geschichte: Affentor wurde gegründet in der Form 2001 von Herrn Jungk und Frau Eve Merceron, einer Designerin, die auch das Moloko betreibt. Frau Merceron kommt aus einem Accessoire-Haus. Schon in der Familie wurden damals Kleidung und Accessoires angefertigt in Frankreich. Sie kommt also aus der Modebranche und hatte damals die Idee, die Frauen, die damals nur genäht haben, da ging’s noch gar nicht um Taschen, sondern die haben damals Kinderkleidung, kleine Auftragsarbeiten, Näharbeiten und Änderungsarbeiten gemacht. Das war damals noch am Affentorplatz und man wusste nicht so genau, was aus diesem Projekt wird: es war da und es war gut, man hat die langzeitarbeitslosen Frauen beschäftigen können, aber irgendwas musste damit passieren.
Und Frau Merceron hatte dann eben die Idee, daraus ein Taschenlabel zu machen, das Affentor heißt, weil es damals eben am Affentorplatz war. Es hat so angefangen, dass sie damals wirklich in Frankfurt in die Läden gegangen sind und die Ware als Kommissionsware angeboten haben, wirklich mit zwei Mann durch die ganze Stadt. Richtig klein, mit ganz geringen Mitteln, man hatte kein Budget dafür. Am Anfang gab’s da auch noch kleine Schwierigkeiten, aber nach und nach haben die Leute die Taschen gekauft. Das waren früher nur Unikate, also sprich man hat nur mit Stoffspenden und dementsprechend kleinen Stoffstücken gearbeitet und diese zu Taschen verarbeitet. Frau Merceron hat damals die Designs gemacht für die Taschen. Im Laufe der Zeit wurde das immer beliebter und die Qualität auch immer besser. Die Taschen wurden immer robuster und es ist ein großer Lernprozess wenn man wirklich mit Null angefangen hat.
Die Schneiderei als solche gibt es nun schon seit über 20 Jahren mit der gleichen Betriebsleiterin, der Frau Schmidt. Die Werkstatt Frankfurt feiert jetzt 25-jähriges Jubiläum. Das Umformen zu Affentor war die erste große Revolution, die da passiert ist. Und damals hatte man zwei studentische Aushilfen, die das Projekt betreut haben, und nach und nach hat man dann gemerkt, das wächst jetzt so rasant, man muss mal einen Plan vorlegen und ein wenig strukturieren.
Damals wurde dann die Stelle ausgeschrieben und damals bin ich dann über Kontakte dazugekommen. Ich habe damals im April 2007 angefangen, letztes Jahr im September kam Frau Arriola noch dazu. Seitdem wird es intensiv betreut, wir haben jetzt hier zwei volle Stellen. Zudem gibt es zwei neue Anleiterinnen in der Schneiderei, die das Chaos ein wenig koordinieren, was da früher herrschte. Seit letztem Jahr steht das Team und es geht seitdem weitaus professioneller zu und wir sind mit unseren Messeauftritten erfolgreicher. Wir sind mit unseren Kollektionen erfolgreich, weil die wirklich gut durchdacht sind mit einem Kollektionsthema. Das macht sich jetzt auch in den Zahlen bemerkbar.
Am Anfang war’s ein nettes Projekt, wo die Leute dachten: ach komm, jetzt unterstützen wir mal die Frankfurter Mädels, die da in der Schneiderei arbeiten und langzeitarbeitslos waren. Generell sollte das Projekt unterstützt werden und man hat nicht soviel Wert gelegt auf den Look und die Qualität. Mittlerweile ist es so, dass man auch noch gute Qualität von uns geliefert bekommt, dazu Handmade in Germany, auch ein ganz wichtiger Aspekt. Und noch zu einem fairen Preis. Dadurch dass es hier produziert wird und wir auch versuchen, nachhaltig zu arbeiten, ist es ein fairer Preis.

ZI: Und wo sitzt die Schneiderei?

NA: Sie ist in Griesheim, an der Mainzer Landstraße. Es gibt also zwei Standorte. Zum einen die Produktion, zum anderen der Verkauf, der Showroom, hier kommen die Endkunden hier und auch die Händler. Wir haben hier auch zwei Verkäuferinnen, die auch über den Frankfurter Weg hierher kommen. Wir qualifizieren langzeitarbeitslose Menschen und diese können hier bei uns verschiedene Berufswege erlernen. Unter anderem die Näherinnen, die zu Modenäherinnen ausgebildet werden in zwei Jahren und die Einzelhandelskauffrauen, die hier im Laden arbeiten.

ZI: Und wenn wir schon bei den Mitarbeitern sind: wie viele Näherinnen gibt es?

NA: Wir haben derzeit Plätze für 25 Frauen, wovon Frankfurter Weg um die zehn sind. Der Ausbildung vorgeschaltet ist ein dreimonatiges Praktikum KEA, um herauszufinden, wo die Kompetenzen des Teilnehmers liegen. Dann haben wir zwei Praktikanten von Modeschulen, zwei Anleiter, zwei Näherinnen. Die Plätze werden immer nach und nach besetzt.

ZI: Und die Leute machen dann da eine richtige Ausbildung? Wie kann ich mir das vorstellen?

NA: Ja, das nennt sich Qualifizierung, die von der IHK staatlich geprüft wird. Genau, dann noch zur Folgefrage, zur Frage nach der Einzigartigkeit. Klar, das Verbindung der Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen, die dann ein Trendprodukt herstellen. Wir sprechen hier von drei Säulen: Zum einen der Qualifizierung der Teilnehmer, dann die Zusammenarbeit mit jungen Designern aus der Region, aber auch überregional. Sie können uns ihre Entwürfe schicken, die wir dann prüfen. Dann arbeiten wir auch mit Designschulen zusammen, wie letztes Jahr mit der Ecodesign-Schule in Köln. Die Tasche der Gewinnerin wurde dann in unsere Kollektion aufgenommen. So machen wir das mit vielen Designern, dass wir denen sozusagen eine Starthilfe geben. Derzeit sind’s so fünf Designer, das Affentor-Design-Team inbegriffen. Und das dritte, wir haben ja früher nur mit Stoffspenden gearbeitet, mittlerweile kaufen wir Restposten auf von kleinen, regionalen Firmen. Wir achten darauf, dass die Stoffe keine Chemikalien enthalten, wir können es uns leider noch nicht leisten nur mit reiner Biobaumwolle zu arbeiten. Es ist uns sehr wichtig, dass wir die kleinen Händler im Frankfurter Raum unterstützen.
Und zudem: der Endkunde verlässt den Shop nicht, ohne dass er über die Philosophie von Affentor Bescheid weiß. Also die Verkäuferinnen sind dementsprechend gebrieft, dass sie den Leuten erklären, was hinter Affentor steckt und so verbreitet sich das auch. Man erzählt’s einem, der erzählt’s dem nächsten und so weiter.

ZI: Kommen deswegen schon viele Leute hierher?

NA: Auf jeden Fall. Gerade in der heutigen Zeit, wo es immer mehr um ökologische Aspekte geht, ist es auch wichtig das zu betonen, dass die Philosophie weitergetragen wird. Und auch die Händler darüber zu informieren, dass es für sie auch marketingtechnisch wichtig ist, das zu betonen. Die ganze Werkstatt Frankfurt basiert im Prinzip auf dem Nachhaltigkeitsprinzip.

ZI: Sie arbeiten ja mit ganz vielen Leuten zusammen: da sind zum einen die Näherinnen, die Designer, die Händler… wie halten Sie das Netzwerk aufrecht?

NA: Das ist sehr schwierig, weil wir auch nur ein kleines Team sind, sprich, dass machen nur Frau Arriola und ich. Und was mir aufgefallen ist: man ist so wenig privat. Man trifft immer wieder auf Leute, die was zu Affentor wissen wollen. Und da ist es ganz wichtig, dass die Glaubwürdigkeit vorhanden bleibt. Dass man auch nach draußen trägt, was intern passiert. Das kann man bei uns auch überall nachlesen und wir laden auch jeden ein, der mit uns darüber diskutieren möchte.

ZI: Ja mir ist auch aufgefallen, hier kennt doch jeder jeden, ich hab ja schon mit ein paar Shop-Besitzern hier in Frankfurt gesprochen.

NA: Ja total, zumindest hier in Frankfurt. Aber ich denke, egal wie groß die Stadt ist, die Szene wird sich immer vernetzen. Frankfurt ist halt doch sehr klein, hier gibt’s keine große Modeszene. Die kleinen Geschäfte machen eins nach dem anderen zu. Ich find die Vernetzung gut hier in Frankfurt, aber ich würd’s mir noch viel mehr wünschen. Zum Beispiel einmal im Monat ein Treffen mit allen kreativen, schaffenden Menschen in dieser Stadt, weil ich glaube, man könnte noch viel größere Dinge machen. Seit zwei Jahren sprechen wir mit dem Besitzer von „Schöner wohnen“ hier in der Straße wegen eines Straßenfest, doch keiner schafft es. Die Zeit reicht einfach nicht. Das ist halt nur ein Nebenprojekt. Das ist halt hier viel, viel Arbeit und wahnsinnig wenig Personal, doch es macht uns beiden sehr viel Spaß. Für mich kann ich nur sagen, es ist ne Erfüllung. Im Prinzip bin ich hier was die Marketing-, Vertriebsaktionen, Events, Messeauftritte angeht, die Verantwortliche und mache das mit einem großen Engagement. Ja, die Vernetzung könnte noch intensiver sein.

ZI: Gibt es denn Treffen von Frankfurter Designern?

NA: Ja, ja. Das habe ich am Rande nur so mitbekommen, das heißt Frankfurter Kranz, aber das ist nur für Frauen. Auch schön, aber wenn, dann will ich auch, dass alle beteiligt sind. Sonst gibt’s nichts.

ZI: Also man kennt sich und jeder empfiehlt den anderen weiter…

NA: Ja richtig, soweit schon. Aber es wäre auch ganz schön, wenn man ein wenig genauer wüsste, was die anderen so machen. Wir sind außerdem noch eine Auftragsschneiderei, sprich die Kunden kommen und können ihre Kollektionen bei uns nähen lassen. So z.B. in der Brückenstraße die Charlotte am Main oder die Janina von Ketchup & Majo. So bekommt doch auch viel mit. Viele sagen mir schon inzwischen, wenn ich frage, wie seid ihr denn auf uns gekommen, dann sagen sie über’s Internet. Einfach gegoogelt, faszinierend. Hätte nie gedacht, dass man so einfach dann auf Affentor kommen kann.

ZI: Damit wären wir schon bei der nächsten Frage: Welche Rolle spielt denn für Sie das Internet?

NA: Wir haben einen Online-Shop, den wir auch Anfang des letzten Jahres ge-relauncht haben. Der war eine Katastrophe. Der Online-Shop kostet kaum Geld, wir haben den Shop jetzt als Startseite, dass jeder gleich weiß, dass wir einen Online-Shop haben. Da kommt vielleicht jetzt jemand auch zum Kaufen, der sich vielleicht nur informieren wollte. Ein Internetshop kostet keine Miete, es macht keine Arbeit, ich muss niemanden beraten, ich muss mit niemandem ein Verkaufsgespräch führen, es ist nur ein bisschen Logistik, was dahintersteckt. Das ist natürlich sehr lukrativ. Aber an so was wie Blogs oder Twitter können wir im Moment nicht denken, da brauch man jemanden, der das betreut.

ZI: Und was haben Sie im Laufe des letzten Jahres geändert?

NA: Ja, wie gesagt, im letzten Jahr kam zum einen Frau Arriola hinzu ins Team. Und es gibt auch neue Anleiterinnen in der Schneiderei. Ja ich würde sagen seit letztem Jahr ist das Team so vollständig. Seitdem wird das Projekt Affentor intensiv betreut.

ZI: Und was planen Sie für die Zukunft? Gibt es Veränderungen?

NA: Wir planen gerade die neue Kollektion. Sie wird unter dem Thema „literarische Helden“ stehen. Das haben wir auch geändert, dass die jeweiligen Kollektionen immer unter einem Motto stehen. Und dann ändern wir auch passend dazu die Ladengestaltung.
Außerdem wollen wir den Online-Shop weiter ausbauen. Gerade was die Bezahlung angeht, sind wir da noch etwas steinzeitlich. Wir liefern bisher nur gegen Rechnung. Da wollen wir auch einiges ändern.


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